SDH-Consult, Bonn

Made in Germany! Qualitätskultur in Deutschland.

Warum „Made in Germany“ entwickelt und nicht abgeschafft werden muss!

„Made in Germany“, ein Geschenk der Briten!

Als das britische Parlament 1887[1] beschloss vor allem aus Deutschland stammende qualitativ minderwertigen Billigimitate britischer Industrieerzeugnisse für die Konsumenten kenntlich zu machen und eine Herkunftskennzeichnung einzuführen, war es bereits zu spät. Die deutsche Industrie hatte sich bereits aufgemacht eine Qualitätskultur zu entwickeln[2]. Angefangen von zunächst der kontinuierlichen Verbesserung der Produktqualität, kamen später auch Merkmale wie pünktliche und verlässliche Lieferung, Haltbarkeits- und Rücknahmegarantien, das Einhalten von Umweltstandards, sowie eine Produktion unter fairen Bedingungen für Lieferanten und Mitarbeiter dazu. Wir verdanken es also dem Protektionismus der Briten, dass Made in Germany weltweit als der Garant für allerbeste Warenqualität gesehen wird und zu einer der wertvollsten Marken der Welt wurde.

Was ist Qualitätskultur?

Qualitätskultur beschreibt das Streben danach die Dinge „gut“ zu tun. Die „Dinge“ umfasst dabei nicht nur Maschinen und Waren, sondern alle Tätigkeiten einer zusammenhängenden Gruppe von Menschen, die das Miteinander regeln und organisieren. Das schließt ein, wie wir miteinander im privaten, politischen und beruflichen Kontext umgehen, wie wir das Gemeinwohl unterstützen uns an Regeln halten uns an politischen und gesellschaftlichen Diskussionen beteiligen oder wie wir mit Minderheiten, der ökologischen Umwelt oder fremden Einflüssen umgehen. Ein entscheidendes Merkmal einer Qualitätskultur ist die kontinuierliche Verhandlung der verschiedenen Interessensgruppen darüber was „gut“ ist und was nicht[3]. Denn was „gut“ ist hängt mehr oder weniger von den in der Zeit jeweilig gültigen Anforderungen an die Gesellschaft ab. Von den Ergebnissen der Diskussion hängen die Anpassungsfähigkeit und Veränderungsgeschwindigkeit der Gruppe ab.

Woran erkennt man eine Qualitätskultur?

Die Qualitätskultur einer Gruppe lässt sich als drei Ebenen bestehend aus Artefakten, Werten und Annahmen[4] beschreiben, die sich mittels Information, Partizipation und Dialog der einzelnen Gruppenmitglieder[5] wechselseitig beeinflussen.

Ebenen und verbindende Elemente der Qualitätskultur.

Ebenen und verbindende Elemente der Qualitätskultur.

Artefakte sind verschiedene sichtbare Elemente wie Vision, Mission Strategie, Ziele, Strukturen, Systeme und Prozesse einer Gruppe. „Made in Germany“ ist demnach eine sichtbare Manifestation der deutschen Qualitätskultur. Daneben spielen weitere Artefakte, wie die Deutsche Industrienorm (DIN), die ISO Normen und die Regularien der EU vor allem im Bereich der Warenqualität eine Rolle. Jenseits der Warenqualität spielen allerdings Manifestationen, wie die Bezeichnungen „Demokratie“, „Rechtsstaat“, „Sozialstaat“ und „Soziale Marktwirtschaft“ die unser politisches System und dessen Vision beschreiben eine wichtige Rolle. Weitere wichtige Artefakte sind neben dem politischen System und dessen Institutionen, gemeinnützige Organisationen, das Bildungswesen und dessen Organisationen sowie das Grundgesetz u.a. die manifester Ausdruck sind die Dinge „gut“ zu machen

Die wohl bekanntesten deutschen Werte sind Einigkeit, Recht und Freiheit. Nach 1945 wurden mit dem Grundgesetz Werte im Rahmen von Gesetzen formuliert, die die deutsche Gesellschaft nachhaltig verändert und geprägt haben. Weitere Werte, die der deutschen Gesellschaft zugeschrieben werden wie Gründlichkeit, Pünktlichkeit, Genauigkeit, wenig serviceorientiert etc. sind allgegenwärtig spiegeln aber bereits mehr die Annahmen der externen Betrachter, als tatsächlich formulierte Werte

Die Annahmen sind meist verborgen und kommen nur zu Tage, wenn man explizit nach ihnen fragt. Bilden sich keine gemeinsamen Annahmen darüber aus, was etwas bedeutet, entwickelt es keine breite Wirkung oder verliert diese. Die Annahmen darüber was „Made in Germany“ ist, können je nach Perspektive weit auseinander gehen.

Made in Germany abschaffen?

Die Diskussion um die mögliche Abschaffung der Kennzeichnung „Made in Germany“ durch die EU zeigt zweierlei. Erstens ist „Made in Germany“ in der deutschen Gesellschaft und vor allem bei dessen Unternehmerinnen und Unternehmern viel mehr als eine Herkunftskennzeichnung. Es ist die zentrale Manifestation einer mehr oder weniger definierten Art die Dinge gut zu machen. Dabei spielt es nur noch eine untergeordnete Rolle, ob ein Gegenstand tatsächlich in Deutschland gefertigt wurde solange er unter den Prämissen der deutschen Qualitätskultur gefertigt wurde. Das deckt sich auch mit der Annahme der Kunden deutscher Waren im Ausland, dass Qualität ihren Preis hat. Trotz bescheidener Landesgröße und hohen Produktionskosten finden deutsche Produkte reißenden Absatz im Ausland.

Und zweitens zeigt es die Annahme der Kommission, dass „Made in Germany“ das ist was es im Sinne des Wortes bedeutet. „Produziert in Deutschland“, was es tatsächlich in vielen Fällen nicht mehr ist.

Made in Germany abzuschaffen hätte aufgrund der Wechselwirkung zwischen Artefakten, Werten und Annahmen eine sicherlich starke Wirkung auf die Werte und Annahmen in Deutschland darüber was Qualität ist bzw. was „gut“ bedeutet. Zusätzlich würden sich die Annahmen der ausländischen Kunden darüber was deutsche Qualität ist, verändern mit dem Risiko, dass die Nachfrage mit dem Argument, die Qualität stimme nicht mehr, deutlich sinken könnte. Made in Germany wirkt gegenüber den Kunden wie ein Gütesiegel, ohne dass dessen Kriterien eindeutig definiert wären.

„Made in Germany“… Anpassen!

Ganz im Sinne der kontinuierlichen Diskussion der herrschenden Qualitätskultur, sollten wir weniger darüber diskutieren wieviel Prozent einer Ware in Deutschland gefertigt sein müssen, damit es die Bezeichnung „Made in Germany“ tragen darf und ob es nicht ganz zugunsten von „Made in EU“ abgeschafft werden sollte. Wir sollten vielmehr die Initiative in die Hand nehmen und uns bewegen. „Made in Germany“ entwickeln die herrschende Qualitätskultur entschlüsseln und auch formell zu dem was es längst ist ausbauen[6]. Ein weltweit anerkanntes Gütesiegel. „Made under german Quality culture“ (Made u. German QC) könnte ein solches Siegel heißen. Anwendbar auf Produktion, Dienstleistung und gemeinnützige Organisationen.

Physik-Ing. Stefani Dokupil und Dr. Stephan Haubold
SDH-Consult, Bonn

 

[1] The Mercandise Act 1887; https://archive.org/details/merchandisemark00payngoog

[2] B.Sommerhoff in, Masing Handbuch Qualitätsmanagement, Ein Qualitätsleitbild für Deutschland, Carl Hanser Verlag München, 6. Auflage, 2014, S. 43

[3] A. Boentert, Qualitätskultur durch Kommunikation. Das Beispiel der Fachhochschule Münster, ZFHE, Jg. 8/Nr. 2 (März 2013), S.125 – 137

[4] E. H. Schein, The Ed Schein corporate culture survival guide, EHP, S. 31, 2003

[5] U. D. Ehlers, Understanding Quality culture, QAE, 17(4), 343-363

[6] DGQ Deutsche Gesellschaft für Qualität; http://www.qualitaetsleitbild.de/dekra-se/